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Berliner Charme 2022

Ich brauche kein Twitter, um die unbeschränkte Freiheit beschränkter Übermenschen zu erleben. Es genügt, dass ich mich durchs Berlin im kalten Winter in Corona- und Kriegszeiten bewege Hier brüllt einer (“Fresse halten”), weil ich ihn darauf hingewiesen habe, dass sein Blinker ein Abbiegen signalisiert (und er geradeaus fuhr, ich aber die Kreuzung passieren wollte). Da knallt mir einer im U-Bahn-Gedränge seinen Rucksack ins Gesicht und faucht, als ich mich beschwere “Haste keine Augen im Kopf”. Und weil ich eine Bemerkung wage, wo jemand seinen e-Roller mitten auf dem Gehsteig stellt, höre ich “Schnauze halten”. Schön berlinerisch neulich: Verpiss Dich Du alte Fotze”, und so geht es fröhlich weiter, auch ohne Internetanschluss.

Als ich vor vielen Jahren nach Berlin zog, fand ich die Rauheit irgendwie befreiend (gegenüber den süßlichen Redewendungen in Wien). Der Charme, den die Berliner Direktheit damals hatte, ist verschwunden, geblieben ist das Grobe, Fäkale, die Selbstbehauptung degradierter Machos oder auch Machas. (Vielleicht, meinte ein Freund, sind das ja gar keine Berliner.)

Gerade erst habe ich von einem Soziologen gelernt, dass sich Menschen im Nahbereich für Regeln und gesellschaftlich nützliche Handlungswiesen einsetzen würden. Da fällt mir doch gleich jener Autofahrer ein, den ich bat, den Motor abzustellen. Er sprang aus seiner Karre und ging auf mich los, und hätten sich nicht drei Männer vor mich gestellt, wäre diese Aufforderung zu sozialem Verhalten im Nahbereich für mich wohl schlecht ausgegangen.

Aber nein, es sind weder nur Autofahrer, noch allein Männer. Als ich die kühn abbiegenden Radfahrerin durchaus freundlich darauf hinwies, dass ihr Rad kein Licht habe, hörte ich nur, dass sie was brüllte, ich habe es aber nicht verstanden.

Also, Maul halten? 

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