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Jahresrückblick

Weinend und lachend sage ich dem Jahr adieu

Bevor ich mich zwecks Rückblick an die Maschine setze, mache ich einen Spaziergang, vielleicht fällt mir dann noch anderes ein als zwei grauenhafte Kriege, die nicht gestoppt werden (können?). Ich würde gerne auch noch an anderes denken als Weihnachtsbeleuchtung, Freunde, die fünf Mal im Jahr durch die Gegend fliegen und eine desavouierte Kämpferin für das Klima. Ausnahmsweise scheint auch in Berlin die Sonne und im Park liegt Schnee. Wieder zu Hause krame ich im Tagebuch und muss mir eingestehen, dass ich den guten Vorsatz, endlich meine Papiere zu ordnen, wieder nicht realisiert habe. Unter der Überschrift “Newspeak” finde ich (Eintrag Ende Februar) die Wortschöpfung “wertegeleitete Waffenexportpolitik”. 

Aber jetzt habe ich frische Luft getankt und weiß wieder, dass ich in diesem Jahr angefangen habe, Wikipedia nicht nur zu konsumieren, sondern auch mitzumachen. Und überhaupt, mich vom zunehmend langweiligeren Literaturbetrieb abwendend, in diese andere Welt gezogen bin. Ich erinnere mich an den Vortrag in einem Hacker- und Maker-Space. Relativ junge Leute, von Geschichte und “meiner” Kultur wissen sie nichts, aber anders als bei Lesungen in gediegenen Häusern haben sie weit geöffnete Ohren, sind neugierig, wollen mehr wissen (und halten keine Co-Referate). Ja doch, das war ein eindrucksvolles Erlebnis, weshalb ich mich nun ständig über “Open Source” und die weltweite Unabhängigkeitsbewegungen im Netz informiere. 

Selbstverständlich lese ich weiter auf ganz altmodische Art Bücher, gehe ins Kino, in Konzerte, seltener ins Theater, wo nur noch mit Mikro gesprochen wird. Zwei Filme haben mich so beeindruckt, dass ich die Titel noch immer weiß: “Ein Triumph” über Becketts ‘Warten auf Godot’, gespielt mit Insassen eines Gefängnisses. Und “Divertimento” über eine Frau aus den Pariser Banlieus, die Dirigentin wird. Beide Filme basieren auf realen Geschichten, beide erzählen von den Wundern, die Kunst an Orten vollbringt, wo sie nicht “zu Hause” ist. 

Unter den Mails des vergangenen Jahres findet sich die Nachricht “Vor vierzig Jahren haben Sie promoviert.” Oje, immer diese Erinnerung an die Vergänglichkeit. In meiner Nähe gibt es einen hübschen kleinen Friedhof, auf dem ich in diesem Jahr mehrere Freunde verabschiedet habe.

Abgesehen von Krieg, Klimakatastrophen, toten Freunden und falschen Juden (wo ist Herr Wolff wohl jetzt, wo sind überhaupt all die Philosemiten, die so laut getönt haben und von denen ich seit dem 7. Oktober nichts mehr höre?) gab es zum Glück noch gedruckte Büchern, darunter sind einige, die meinen Glauben an Qualität, Kunst und Klugheit gestärkt haben. Von Emine Sevgi Özdamar habe ich alles begeistert gelesen, sollte es unter den Lesern dieses Rückblicks noch jemanden geben, der ihre Bücher nicht kennt, lege ich sie ihnen ans Herz. Passt das Wort Vergnügen zu Büchern, die vom Faschismus handeln? Ja doch, ein “Bericht” wie der von Emilio Lussu – “Marsch auf Rom und Umgebung” – stärkt. Und wenn ich schon über Vergnügen schreibe, will ich mich und andere an Lea Ypis Buch mit dem einfachen Titel “Frei” erinnern. 

Das Jahr war also nicht nur grauslich, es hat mir auch schöne Erfahrungen beschert.

  

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