<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Lesefrüchte &#8211; Hazel E. Rosenstrauch</title>
	<atom:link href="https://hazelrosenstrauch.de/category/lesefruechte/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://hazelrosenstrauch.de</link>
	<description>Netzpräsenz</description>
	<lastBuildDate>Wed, 27 Mar 2024 13:46:04 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=7.0.2</generator>

<image>
	<url>https://hazelrosenstrauch.de/wp-content/uploads/2019/01/cropped-favicon-32x32.jpg</url>
	<title>Lesefrüchte &#8211; Hazel E. Rosenstrauch</title>
	<link>https://hazelrosenstrauch.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Alte Damen, alte Männer</title>
		<link>https://hazelrosenstrauch.de/alte-damen-alte-maenner/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[hazel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 10 Jun 2023 15:38:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Lesefrüchte]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hazelrosenstrauch.de/?p=1606</guid>

					<description><![CDATA[Leserbrief In seinem Beitrag im “wespennest” Nr. 184 wundert sich, oder sagen wir mal, berichtet Valentin Groebner über seinen “Umzug ins Land der alten Männer”. Dem Autorenverzeichnis entnehme ich, dass er 1962 geboren ist, also gerade mal die 60 überschritten hat. In der nur ein bisschen wehleidigen Erzählung dürfen die alten Frauen nicht fehlen. Sie [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[		<div data-elementor-type="wp-post" data-elementor-id="1606" class="elementor elementor-1606" data-elementor-post-type="post">
						<section class="elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-1973e750 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default" data-id="1973e750" data-element_type="section" data-e-type="section">
						<div class="elementor-container elementor-column-gap-default">
					<div class="elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-6b12c195" data-id="6b12c195" data-element_type="column" data-e-type="column">
			<div class="elementor-widget-wrap elementor-element-populated">
						<div class="elementor-element elementor-element-6521dece elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="6521dece" data-element_type="widget" data-e-type="widget" data-widget_type="text-editor.default">
				<div class="elementor-widget-container">
									
<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Leserbrief</p>



<p class="wp-block-paragraph">In seinem Beitrag im “wespennest” Nr. 184 wundert sich, oder sagen wir</p>



<p class="wp-block-paragraph">mal, berichtet Valentin Groebner über seinen “Umzug ins Land der alten</p>



<p class="wp-block-paragraph">Männer”. Dem Autorenverzeichnis entnehme ich, dass er 1962 geboren ist,</p>



<p class="wp-block-paragraph">also gerade mal die 60 überschritten hat. In der nur ein bisschen</p>



<p class="wp-block-paragraph">wehleidigen Erzählung dürfen die alten Frauen nicht fehlen. Sie kriegen</p>



<p class="wp-block-paragraph">keine Kinder mehr und haben Hitzewallungen und Hallux-Operationen. Für</p>



<p class="wp-block-paragraph">die kleinen Bosheiten zitiert er vorsichtshalber eine Freundin, die gesagt</p>



<p class="wp-block-paragraph">haben soll: “Die älteren Damen auf den Kulturempfängen und Vernissagen</p>



<p class="wp-block-paragraph">trügen ihre Eierstöcke eben um den Hals”. Er selbst beschreibt sich</p>



<p class="wp-block-paragraph">melancholisch, von Ängsten und Befürchtungen geplagt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zeitschrift ist elektronisch nicht verfügbar, deshalb muss dieser</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ausschnitt genügen, um zu erklären, dass ich Lust bekam, ihm zu</p>



<p class="wp-block-paragraph">antworten:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sehr geehrter Oldie,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihren Reisebericht habe ich mit Vergnügen gelesen und kann als alte Frau</p>



<p class="wp-block-paragraph">nicht umhin, Ihnen ein paar Ergänzungen zu schicken. Das Alter bringt,</p>



<p class="wp-block-paragraph">jedenfalls für uns Weiber, etliche Vorteile. Wir haben seit langem keine</p>



<p class="wp-block-paragraph">“Regel” mehr, diese von Schmerzen begleiteten Blutungen liegen so lange</p>



<p class="wp-block-paragraph">zurück, dass ich sie vergessen habe. Ich trage keinen BH mehr, weil der</p>



<p class="wp-block-paragraph">kneift, bewege mich nicht mehr auf dem Markt erhoffter und</p>



<p class="wp-block-paragraph">enttäuschender Beziehungskisten, und der Blick auf Männer ähnlichen</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alters bringt die letzten Lüste zum Schweigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings gehöre ich nicht zu jener wohlhabenden Oberschicht, die</p>



<p class="wp-block-paragraph">brillantene Eierstöcke zum Umhängen zur Verfügung hat. Aber mir und</p>



<p class="wp-block-paragraph">meinen Freundinnen geht es gut. Wir haben uns vor männlichen</p>



<p class="wp-block-paragraph">Taxierungen befreit, haben Kinder in die Welt gesetzt, mit denen wir uns</p>



<p class="wp-block-paragraph">besser verstehen als Eltern und Nachwuchs früherer Generationen, und</p>



<p class="wp-block-paragraph">sind, mit all den Falten und Zipperlein, frei von den auf Seite 74 des</p>



<p class="wp-block-paragraph">wespennest so herrlich beschriebenen Eitelkeiten, Eroberungsgelüsten,</p>



<p class="wp-block-paragraph">Konkurrenzzwängen und Kampfwägen, wie sie für Männer so typisch sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">© Hazel Rosenstrauch</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies als kleine Korrektur, die insofern unangemessen ist, als ich und meine</p>



<p class="wp-block-paragraph">Freundinnen richtig alt sind, nicht erst um die 60. Sie und die erwähnten</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damen sind ja noch jung, da kommt noch Einiges auf Sie zu. Ob die schönen</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aussichten für weiße alte Männer gelten, weiß ich nicht, aber viele der</p>



<p class="wp-block-paragraph">Frauen, die wie ich auf die 80 zusteuern, sind nicht traurig. Gut</p>



<p class="wp-block-paragraph">abgehangen, mit reicher Erfahrung, blicken wir verwundert auf die</p>



<p class="wp-block-paragraph">konkurrierenden alten Zausel, die mit gierigen Blicken auf 30-jährige Mädel</p>



<p class="wp-block-paragraph">starren. Alt sein ist nichts für Feiglinge, wir konnten uns, bedrängt von</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kraftprotzen, nie leisten, feig zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
								</div>
				</div>
					</div>
		</div>
					</div>
		</section>
				</div>
		]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kolumbien ist nicht so weit weg</title>
		<link>https://hazelrosenstrauch.de/kolumbien-ist-nicht-so-weit-weg/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[hazel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Apr 2023 14:07:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Lesefrüchte]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierung]]></category>
		<category><![CDATA[verschweigen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hazelrosenstrauch.de/?p=1578</guid>

					<description><![CDATA[Verrat und Schuldgefühle “Was bist du für ein guter Mensch, nicht wahr? Das sollten wohl die Leute sagen. Deshalb hast du das Buch geschrieben, damit alle wissen, wie gut und mitfühlend du bist, wie empört über all die schrecklichen Dinge, die der Menschheit zugestoßen sind, oder? Schaut mich an, staunt mich an, ich bin auf [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[		<div data-elementor-type="wp-post" data-elementor-id="1578" class="elementor elementor-1578" data-elementor-post-type="post">
						<section class="elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-6cc053f5 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default" data-id="6cc053f5" data-element_type="section" data-e-type="section">
						<div class="elementor-container elementor-column-gap-default">
					<div class="elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-669c157d" data-id="669c157d" data-element_type="column" data-e-type="column">
			<div class="elementor-widget-wrap elementor-element-populated">
						<div class="elementor-element elementor-element-261baf05 elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="261baf05" data-element_type="widget" data-e-type="widget" data-widget_type="text-editor.default">
				<div class="elementor-widget-container">
									
<h4 class="wp-block-heading"><strong>Verrat und Schuldgefühle</strong></h4>



<p class="wp-block-paragraph">“Was bist du für ein guter Mensch, nicht wahr? Das sollten wohl die Leute sagen. Deshalb hast du das Buch geschrieben, damit alle wissen, wie gut und mitfühlend du bist, wie empört über all die schrecklichen Dinge, die der Menschheit zugestoßen sind, oder? Schaut mich an, staunt mich an, ich bin auf der Seite der Guten, ich verurteile, ich denunziere. Lest mich, liebt mich, gebt mir einen Preis für mein Mitleid, für meine Seelengüte.”</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesen Passus fand ich in dem 2004 auf spanisch (2010 auf deutsch) erschienenen Buch von Juan Gabriel Vásquez. Es&nbsp; ist ein Buch über Verrat und Denunziantentum, und vor allem ein Räsonnement über das Leben mit Schuld. Auch in Kolumbien gab es während des Zweiten Weltkriegs “Schwarze Listen”, auf denen alle landeten, die nur irgendwie verdächtig waren oder auch ohne Grund denunziert wurden. Kolumbien war für die USA strategisch wichtig. “Von 1940 an drangen die Vereinigten Staaten auf die kolumbianische Mitarbeit” erläutert&nbsp; der Autor in seinem Nachwort. Zu dieser Mitarbeit gehörten die Beobachtung wirtschaftlicher und gewerblicher Aktivitäten von Personen und Unternehmen. Bekanntlich lebten in Lateinamerika sowohl Deutsche, die vor den Nazis geflüchtet waren, wie aktive Bewunderer Francos und Hitlers,und es gab in Kolumbien eine nationalsozialistische Partei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Hauptfigur, Jurist und Professor für Rhetorik, hat mit obiger Suada seinen Sohn beschimpft, der ein Buch über eine eingewanderte deutsche Jüdin, eine enge Freundin des Vaters, geschrieben hat. Der Rhetorikprofessor hat das Buch in einer Zeitschrift verrissen und in seiner Vorlesung – in der der Sohn anwesend war – doziert: “Ich kann nicht verhindern, dass andere reden, wenn sie es für nützlich oder notwendig halten. Deshalb werde ich meine Stimme nicht gegen die Parasiten erheben, diese Kreaturen, die für ihre eigenen Zwecke die Erfahrungen von uns benutzen, die wir es vorgezogen haben, nicht zu reden.” Er wettert gegen “zweitklassige Schreiberlinge, die bei Kriegsende noch nicht einmal geboren waren”.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Zwiegespräch wirft er dem Sohn vor, dass er sich bequem mit einem Aufnahmegerät hinsetzt, schwachsinnige Fragen stellt, zweihundert Seiten fabriziert und meint, dass “wir uns dann vor lauter Wonne einen runterholen. Was bist du für ein guter Mensch, nicht wahr? Das sollten wohl die Leute sagen.”</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass Gabriel Santoro einen guten Grund für sein Plädoyer gegen die Beschäftigung mit der Vergangenheit hat. Er war einer der “Informanten”, hat gemacht, was damals viele gemacht haben: er hat den Vater seines Freundes, einen deutschen Einwanderer denunziert. Dieser Mann war weder Nazi noch Sympathisant Hitlers. Als er durch diese Denunziation auf die schwarze Liste kam, wurde sein Leben und das seiner Familie zerstört. Er verlor sein Geschäft, wurde interniert und beging dann Selbstmord. Der Denunziant aber hat sich neu erfunden, er wurde zu einem anerkannten, bewunderten Lehrer und hätte beinahe einen ehrenvollen Preis bekommen. Aber die Vergangenheit holte ihn ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bogotá ist weit weg, die Reflexionen des Sohns, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, sind es nicht. Vor dreißig, auch noch vor zwanzig Jahren war es in Deutschland (West), in Italien, in Holland, in Frankreich und überall, wo es Mitläufer und Profiteure der Nazis gab, noch anstrengend, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. “Aufarbeitung” war mit Risiko behaftet. Stimmen gegen Antisemitismus, Rassismus und Denunziantentum waren noch nicht mehrheitsfähig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da ich das Buch 1. mit Verspätung und 2. in Deutschland 2023 lese, drängte sich nach der Lektüre die Frage auf, welches Geheimnis die vielen Kämpfer gegen Diskriminierung hier und heute zu verbergen haben. Welche identitätspolitischen Vorteile werden eingeheimst, wenn es überall, auch in der AfD, Antisemitismus-Beauftragte gibt, oder wenn empfindsame Gemüter dafür kämpfen, dass alte Bücher umgeschrieben oder aus dem Verkehr gezogen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Juan Gabriel V</em><em>ásquez, Die Informanten, aus dem&nbsp; Spanischen von Susanne Lange, Frankfurt am Main 2010</em><em> (Original Madrid 2004)</em></p>
								</div>
				</div>
					</div>
		</div>
					</div>
		</section>
				</div>
		]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Alt und gut</title>
		<link>https://hazelrosenstrauch.de/alt-und-gut/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[hazel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Feb 2023 09:34:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Lesefrüchte]]></category>
		<category><![CDATA[Asylsucher]]></category>
		<category><![CDATA[Geflüchtete]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hazelrosenstrauch.de/?p=1550</guid>

					<description><![CDATA[Sprachgymnastin im Dienst der Asylbehörde Das Buch ist 2011 in Paris und vor sieben Jahren auf deutsch erschienen, in der edition Nautilus, wo schon lange bevor es Mode wurde, Stimmen von weither und von jenseits der literarischen Hauptstraßen nach Deutschland transportiert wurden. Ich habe es zufällig in der Bibliothek gefunden und es ist das Ehrlichste [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h4 class="wp-block-heading"><strong>Sprachgymnastin im Dienst der Asylbehörde</strong></h4>



<p class="wp-block-paragraph">Das Buch ist 2011 in Paris und vor sieben Jahren auf deutsch erschienen, in der edition Nautilus, wo schon lange bevor es Mode wurde, Stimmen von weither und von jenseits der literarischen Hauptstraßen nach Deutschland transportiert wurden. Ich habe es zufällig in der Bibliothek gefunden und es ist das Ehrlichste von vielen Büchern, die ich über Geflüchtete, über Asylbewerber und die einsamen fremden Männer gelesen habe, die eingeklemmt in bürokratische Verfahren auf ein Bleiberecht hoffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Erzählerin ist – wie die Autorin – Übersetzerin, sie kennt die Schicksale und die Geschichten, die oft im Paket zusammen mit der Überfahrt von Schleusern gekauft wurden. In der Story sitzt sie im Gefängnis, weil sie in der Metro einen Mann mit einer Flasche verletzt hat, nun soll sie einem “Herrn K.” erklären, wie es dazu kam. In einer Zelle sitzend rekapituliert sie ihre Begegnungen, denkt über ihre und die Situation der Beteiligten nach: das sind die vielen Antragsteller, aber auch Richter, Anwälte, ihre Kollegen, die aus anderen Sprachen übersetzen und die blonde Frau, die mit ihrer Hilfe herausfinden soll, ob der Bewerber als Asylant anerkannt werden kann. Manchmal gibt es ein stilles Einverständnis mit der Beamtin, manchmal versucht sie, Notausgänge für die Männer zu finden, denn es sind vorwiegend Männer, und die sind nicht gewohnt, dass eine Frau über ihr Schicksal entscheidet. Sie nennt sich selbst den “Bindestrich” zwischen jenen Beamtinnen, die über das Schicksal der Antragsteller entscheiden sollen und “Männern von meinem ehemaligen Subkontinent”.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Amt befindet sich in einer grauen, gesichtslosen Vorstadt, und auch die beschreibt sie so eindringlich, dass auch der Leserin kalt wird. Als Dolmetscherin hat sie so viele Geschichte gehört, dass ihr Kopf zu einem “Geiernest” wird. “Mit Tränen in den Augen höre ich ihren Berichten zu. Tränen der Verzweiflung und der Scham. Bei ihren Lügen werde ich rot.”&nbsp;Sowohl sie wie die Beamtin wissen, dass viele der Geschichten erfunden sind, sie leidet mit, wenn sich die Männer verhaspeln, sich in Widersprüche verstricken oder in Tränen ausbrechen. Da sie auch für den medizinischen Dienst als Übersetzerin arbeitet, berichtet sie von der Hilflosigkeit des Arztes, der ein Attest schreiben soll. Sie kennt die Skrupel und erkennt das Mitgefühl derer, die über das Schicksal der Armen entscheiden, sie kennt die Märchen aus sandigen Ländern und versteht die Gründe der Flucht und die Sehnsucht nach Freiheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Erzählerin (denn das Genre heißt Roman) will verstehen, wie diese Männer im Land ihres Exils überleben, sie sucht die Verstecke auf, in denen die Geflüchteten “sich in den verborgenen Falten dieser Stadt festgesetzt haben und die mit den letzten Kröten der Sozialhilfe angemietet werden”. Sie hört den anderen Dolmetschern zu, die in dem schäbigen Aufenthaltsraum “schlaff wie welker Salat” auf ihren Einsatz warten. Manche sind gleichgültig, andere haben ein schlechtes Gewissen, weil sie ihr Geld mit diesen armen unglücklichen Leuten verdienen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es sind nur 127 Seiten, die eine große weite Welt eröffnen. Shimona Sinha erzählt keineswegs nur von Elend, sie malt und träumt und hat viele Fragen, nicht so sehr an das System, das eher schicksalsergeben beschrieben wird, eher an sich. Sie fragt sich mehr an sich als an das System, die sie an sich stellt&nbsp; In ihrer Zelle fragt sie sich, wer sie ist, eine Überläuferin, eine Verräterin. Das Buch ist so ehrlich, realistisch und intim – sowohl ihren seelischen Zustand wie den Zustand der Behörde betreffend – dass Shimona Sinha nach Erscheinen des Romans ihre Stelle verlor. Und es ist hervorragend übersetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Shumona Sinha. Erschlagt die Armen. Aus dem Französischen übersetzt von Lena Müller. Edition Nautilus, 127 Seiten</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Keine Angst vor Robotern</title>
		<link>https://hazelrosenstrauch.de/keine-angst-vor-robotern/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[hazel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Feb 2023 09:31:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Lesefrüchte]]></category>
		<category><![CDATA[unfrisierte Gedanken]]></category>
		<category><![CDATA[BOT]]></category>
		<category><![CDATA[technische Kompetenz]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hazelrosenstrauch.de/?p=1547</guid>

					<description><![CDATA[Some like it smart&#160; Was tun mit den supergescheiten BOTs, den vielen herumschwirrenden Daten oder gepixelten Fakes? Wie lassen sich “Handlungsempfehlungen” nutzen, in denen schöne Sätze stehen wie ”sinnvoll erscheint die Weiterentwicklung der Fachdidaktiken, um die lernförderliche Nutzung digitaler Potenziale sicherzustellen”.&#160; Es gibt viele kluge und weniger kluge Vorschläge. Die Aussichten, dass mehr miteinander geredet [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Some like it smart</strong>&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was tun mit den supergescheiten BOTs, den vielen herumschwirrenden Daten oder gepixelten Fakes? Wie lassen sich “Handlungsempfehlungen” nutzen, in denen schöne Sätze stehen wie ”sinnvoll erscheint die Weiterentwicklung der Fachdidaktiken, um die lernförderliche Nutzung digitaler Potenziale sicherzustellen”.<a href="#_ftn1"><sup></sup></a>&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt viele kluge und weniger kluge Vorschläge. Die Aussichten, dass mehr miteinander geredet wird, wenn Aufsätze zu leicht an Maschinen delegiert werden können, lassen hoffen – sofern genügend Personal für Gespräche zur Verfügung steht. An Universitäten der USA müssen Studierende schriftlich versichern, dass sie nicht schummeln. Das funktioniert an Privatunis, denn dort können sie rausgeschmissen werden, wenn sie sich von BOTs helfen lassen. Wenn die Realität von Lehrermangel, Lehrerinnenmangel, Zeitmangel geprägt ist, oder an den Unis zu viele Studierende von zu wenigen Professoren betreut werden, geht das nicht.&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man soll nicht die Vergangenheit vor der Zukunft loben, aber neben vielem Quatsch, den wir im vorigen Jahrhundert unter ganz anderen Umständen getrieben haben, war die gemeinsame Lektüre von schwierigen Büchern ein oft vergnügliches, jedenfalls interessanter Weg, um die Welt anders zu verstehen, als sie (von alten weißen Männern, unter denen auch faszinierende Gestalten waren) gelehrt wurde. Zu den Lieblingsvokabeln aller Ratgeber gehören die Worte Gemeinschaft, Kooperation, Partizipation. Ich schlage stattdessen das Wort Geselligkeit vor. Die hat mit angenehmem Ambiente und Freude zu tun. Man wird nicht mehr Marx oder Rosa Luxemburg studieren, aber auch manch kluges Fachbuch ist ähnlich schwer zu verstehen wie “Das Kapital” und könnte sich in einem geselligen Lesekreis erschließen<a href="#_ftn2"><sup></sup></a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für den Anfang und alle Altersstufen empfehle ich ein Buch, das sich für gemeinsame Lektüre samt Diskussionen eignet: <strong>Gerd Gigerenzer, Klick</strong>. Einer der Hauptsätze darin lautet: Smarte Technik braucht smarte Menschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist Aufklärung im besten Sinn, verständlich geschrieben, nicht entweder technisch oder psychologisch oder didaktisch, sondern vielseitig, mit Fach-, und auch mit Hausverstand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich höre ständig von Gesetzen und Vorschriften, mit denen Betrug und Irreführung qua Klicks bekämpft werden sollen. Man kann aber auch für mehr Verständnis im Umgang mit der Technik werben, und das tut Gigerenzer. Wie funktionieren Algorithmen, und was ist der Unterschied zwischen der Technik und denen, die damit Kunden an ihre Plattform binden wollen? Wie funktioniert das Wettrüsten mittels Pixeln, wie können Menschen in diesem Orbit Platz finden, neben den Automaten? Und immer wieder, mit vielen Beispielen, Aufklärung über den Unterschied zwischen automatisierten Ergebnissen, die immer auf bekannten, also alten Daten basieren und berechenbare Umstände erfordern, und einer Intelligenz, die mit ungewissen Bedingungen zurecht kommen will. Gewissheiten sind nämlich selten, die Interessen der Tech-Konzerne sind nicht die der User.</p>



<p class="wp-block-paragraph">“Klick ist eine Anleitung, wie wir in einer zunehmend von Algorithmen bevölkerten Welt souverän bleiben und das Steuer in der Hand behalten.” Gigerenzer bringt wunderschöne Beispiele, wie wir mit Statistiken (gerne bei Dating-Plattformen) getäuscht werden, wie sich menschliches Verhalten ändert, wenn Wahrnehmung, Reaktion oder eben Intelligenz von Automaten übernommen wird wie bei selbstfahrenden Autos oder Navis. Nie geht es um Kritik an der Technik, immer um die Möglichkeit, intelligent mit ihr umgehen zu lernen (dazu gehört auch der Abschnitt über den Unterschied zwischen menschlicher und maschineller Intelligenz). Und er bringt schöne, genaue Daten: “Im Vergleich zur zeitgenössischen Computertechnologie sind menschliche Gehirne auch äußerst energieeffizient. [&#8230;] Der Supercomputer Blue Waters [&#8230;] braucht rund 15 000 000 Watt und nimmt eine Fläche von fast 2000 Quadratmetern ein.” Außerdem ist er auf ein großes Kühlsystem angewiesen. Das Gehirn hat die Größe zweier Fäuste und lässt sich leicht umhertragen. ”Würden alle menschlichen Gehirne durch Supercomputer ersetzt, könnte die so generierte Hitze alle Bemühungen um Klimaschutz zunichtemachen.”</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu den Zuckerstückchen gehören seine Beispiele zur Frage, wie sich Fakten von Fälschungen unterscheiden lassen. Er zitiert den Arzt John Locke, 17. Jahrhundert, der von einem holländischen Gesandten berichtet, der dem König von Siam erzählte “dass das Wasser in seiner Heimat bei kaltem Wetter zuweilen so fest werde, dass die Menschen darauf umhergehen konnten” – was den König überzeugte, dass dieser Mann ein Lügner war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Autor ist, wie John Locke, ein Empiriker und zitiert aus diversen Untersuchungen, unter anderem über die digitale Kompetenz von “digital natives”, Schülern und Studierenden. Immer verbunden mit Fragen und auch Regeln, wie etwa Online-Quellen sich beurteilen lassen, was KI leisten kann und was nicht, wie die Geschäftsmodelle aussehen, die unsere Zeit und Aufmerksamkeit absaugen oder süchtig machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anders als Marx, den wir studierten, um eine andere Gesellschaft herbeizuträumen ist dieser Autor kein Revolutionär, er denkt über den Erhalt der Demokratie nach, über Erhalt oder Wiederherstellung von Wettbewerb, der von den wenigen ungeheuer reichen Besitzern der Social-Media-Plattformen behindert wird. “Wir sollten in der Lage sein, die KI für Aufgaben zu nutzen, die sie besser und schneller als Menschen erledigt, ohne dass man uns zu dem Irrglauben verführt, sie könne [&#8230;] alle Aspekte unseres Lebens verbessern.” Zurückgreifend auf die Hoffnungen, die mit der Technologie verbunden war, rät er: “Wir müssen das Internet neu denken.”&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Buch eignet sich für eine “Wende”: In Anerkennung der Realitäten finden sich Lehrende zusammen, die noch Bücher lesen und stoßen, miteinander sprechend, auf Fragen und Sorgen, die sie umtreiben. Es gibt auf dem Sektor KI (die wir endlich nicht mehr Künstliche Intelligenz nennen sollten, darin klingt intelligence = Geheimagent an, was zwar auch nicht falsch ist, aber lernende Maschine oder datengefütterter Automat trifft die Sache besser) noch viele Probleme, die nicht für die Schule, sondern für das Leben neu gedacht werden müssten. Lesende Lehrerinnen fragen die Jungen, die <em>noch</em> Schüler genannt werden und mit der Technik aufgewachsen sind, um Rat. Wie würden, wie werden sie die Technik smart nutzen, ihr Wissen und Vermögen über Apps und Plattformen weitergeben? Einige Vorschläge macht Gigerenzer, aber es gibt noch viel zu tun.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="_ftnref1"></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">s. dazu Konferenz Digitalisierung 2022 in Forum Bildung Digitalisierung</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jamie Susskind, Digital republic </p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="_ftnref2"></a></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Weltuntergang to go</title>
		<link>https://hazelrosenstrauch.de/weltuntergang-to-go/</link>
					<comments>https://hazelrosenstrauch.de/weltuntergang-to-go/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[hazel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Sep 2019 08:11:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lesefrüchte]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hazelrosenstrauch.de/?p=1145</guid>

					<description><![CDATA[Weltuntergang to go. Eine Fallstudie ad: Thomas Bauer, Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Reclams Universalbibliothek, Ditzingen 2018] Das Verschwinden von Apfel- und Tomatensorten, Vögeln, Insekten und Sprachen ist bereits in das allgemeine Bewusstsein eingedrungen. Hunderte Zahnpastasorten, TV-Programme, neu gezüchtete Haustiere und auch die sogenannte multikulturelle Gesellschaft sind kein Gegenargument. [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[		<div data-elementor-type="wp-post" data-elementor-id="1145" class="elementor elementor-1145 elementor-bc-flex-widget" data-elementor-post-type="post">
						<section class="elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-6c70c98b elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default" data-id="6c70c98b" data-element_type="section" data-e-type="section">
						<div class="elementor-container elementor-column-gap-default">
					<div class="elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-488a3d09" data-id="488a3d09" data-element_type="column" data-e-type="column">
			<div class="elementor-widget-wrap elementor-element-populated">
						<div class="elementor-element elementor-element-2f61158b elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="2f61158b" data-element_type="widget" data-e-type="widget" data-widget_type="text-editor.default">
				<div class="elementor-widget-container">
									
<p class="wp-block-paragraph">Weltuntergang to go. Eine Fallstudie</p>
<p>ad: Thomas Bauer, Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Reclams Universalbibliothek, Ditzingen 2018]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Das Verschwinden von Apfel- und Tomatensorten, Vögeln, Insekten und Sprachen ist bereits in das allgemeine Bewusstsein eingedrungen. Hunderte Zahnpastasorten, TV-Programme, neu gezüchtete Haustiere und auch die sogenannte multikulturelle Gesellschaft sind kein Gegenargument. Das sei Scheinvielfalt, meint Thomas Bauer, der sich dem Verschwinden der Ambiguität zuwendet. Ihn beschäftigt nicht nur die Monotonisierung, sondern der Unwillen, Vielfalt zu ertragen. Als Ursachen für den Rückgang von Mannigfaltigkeit nennt er die Verstädterung, die größere Mobilität, die Globalisierung, die Belastungen durch Verkehr, die industrialisierte Landwirtschaft, den Klimawandel, die Monopole großer Lebensmittelkonzerne „wie generell die kapitalistische Wirtschaftsweise“.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Welt aber „ist voll von Ambiguität“. Das Wort, schreibt er eingangs, sei im Deutschen wenig gebräuchlich, aber unverzichtbar, wenn es um „Phänomene der Mehrdeutigkeit, der Unentscheidbarkeit und Vagheit“ gehe. Imzuge seiner Beweisaufnahme kreiert er dann eine Vielfalt von Komposita, wie das nur in der deutschen Sprache gelingen kann: Die Ambiguitätstoleranz schwindet, er diagnostiziert eine Ambiguitätsflucht, dafür gibt es Ambiguitätsvermeidungsstrategien sowie Ambiguitätsfeindlichkeit mit der Folge einer Disambiguisierung. Ambiguitätsfreie Eindeutigkeit habe überhandgenommen. Da es Menschenschicksal sei, mit Ambiguität leben zu müssen, sei es vernünftig, „Ambiguität auf ein lebbares Maß zu reduzieren“, weshalb er eine Ambiguitätszähmung empfiehlt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Thomas Bauer ist Professor für Islamwissenschaft und Arabistik, ihm muss der Schrecken über die Pervertierung einer Kultur, der er sein Berufsleben gewidmet hat, in die Knochen gefahren sein. Wo es um die Politisierung der Religion, den Koran oder den politischen Islam geht, bin ich bereit, ihm zu folgen, das ist schließlich sein Gebiet. Er weiß wovon er redet, wenn er schreibt, dass „Fundamentalismen die Diskurshoheit“ erobert haben, weil sie Erlösung von der „unhintergehbaren Ambiguität der Welt“ versprechen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aber soll ich ambiguitätstolerant hinnehmen, dass ein habilitierter Fachmann für eineDisziplin auch über Geschichte und Architektur und Technik und Kunst urteilt? Ist das noch Einheit der Wissenschaft oder schon Vereindeutigung der Welt, die auch vor habilitierten Akademikern nicht Halt macht? Bauer wagt kühne Hüpfer mit seinen Beweisen aus der Evolutionsbiologie, Bemerkungen über polnische Identität oder die – sei es vom CIA oder von Daimler-Benz in Auftrag gegebene – bedeutungsarme Kunst. Seine Beispiele aus Psychologie („die Menschen sind tendenziell ambiguitätsintolerant“), Politik („US-Amerikaner sind um größere Eindeutigkeit bemüht“), Religion („die katholische Kirche ist überraschend ambiguitätstolerant“), Kunst (von Schönheit befreit und bedeutungsarm), Musik, Sport (FitnessTracker!) und nicht zuletzt die Entwicklung hin zu Maschinenmenschen (verkabelt mit starrem Blick auf den Bildschirm) verleiten zu der Frage, ob die Diagnose einer „weit vorangeschrittenen Verwahrlosung der Kommunikation“ auch für wissenschaftlich einherschreitende Weltuntergangsliteratur gilt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Schuld am Verlust von Vielfalt ist, wer sonst, der Kapitalismus. Die Vermeidung von Zweideutigkeit und Zögerlichkeit ist „geradezu eine Voraussetzung für den Erfolg im Kapitalismus überhaupt“. Ein Psychiatrieprofessor ist Kronzeuge dafür, dass man in den USA ambivalente Situationen weit stärker fürchtet und zu vermeiden trachtet als in Deutschland. Den kurzen Rückblick in die deutsche Geschichte, in der man wusste, wer echter Deutscher und wer Halb-, Viertel- oder Achteljude war, lasse ich beiseite, aber die Jahre des Kalten Kriegs waren auch im angeblich ambigeren Europa nicht besonders geeignet, um zwischen den Blöcken zu stehen. Kunst ist schon nach Brot gegangen, bevor der Kapitalismus eine alles umfassende Krake war, die Sehnsucht nach Eindeutigkeit hat bereits die frühen Christen zu Gewalttätigkeiten und Märtyrertum inspiriert, sie haben, las ich gerade bei Catherine Nixey (&#8222;Heiliger Zorn&#8220;), die verwirrende Vielfalt der zahlreichen römischen Götter abgeschafft. Sollen wir tatsächlich von der Vormoderne lernen, in der laut Bauer „eine sehr ambiguitätstolerante Mentalität herrschte“? Meint er damals, als der Sohn eines Schusters wie sein Großvater und Urgroßvater Schuster werden musste, die Nachkommen eines Ketzers bis in alle Ewigkeit verdammt waren, und Frauen, die von der Norm abwichen, als Hexen verbrannt wurden? Ich fürchte, da hat der Autor Zygmunt Baumann (den er zitiert) missverstanden, für den war die Moderne – im Unterschied zur feudalen Gesellschaft – unabdingbar mit Ambivalenz verbunden.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Ich möchte mir nicht nachsagen lassen, dass ich die dramatische Situation verharmlose, aber in meiner Jugend sind noch rothaarige Kinder ausgegrenzt worden, und die Angst vor einem Atomkrieg war auch nicht ohne. Die Zitate von sogenannten „Identitären“, die für abgekapselte authentische Kulturen sind, erinnern mich an Graf Leinsdorf aus Robert Musils hundert Jahre altem &#8222;Mann ohne Eigenschaften&#8220; – ein Buch voller Ironie, diesem Gefäß für Ambivalenz, Ambiguität, Vagheit und Zwischentöne, die, wenn ich die Weltuntergangsliteratur betrachte, in dem Genre kein Renommee hat. Ironiker nehmen bekanntlich nichts ernst. Und die Lage ist ernst, sehr ernst.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Bauers Klagen über das Gequatsche von Authentizität und Identität könnte ich problemlos ergänzen, vielleicht sogar toppen. Ich habe diese Vokabeln aus meinem Wortschatz gestrichen, auch das „Narrativ“, das für Katastrophenprosa unentbehrlich scheint. Wobei mich weniger interessiert, dass Herr Professor komplexe historische Prozesse schlampig zusammenfasst und der Text oberflächlich ist (und am besten dort, wo er schimpft), bemerkenswert ist die Diskrepanz zwischen dem Thema und dessen Behandlung. Da gibt es keine Ambiguität, auch keine Nische; wie es sich für Dystopien gehört fahren wir gradlinig in den Abgrund, es besteht kein Zweifel, gibt keine offenen Fragen und natürlich auch keinen Humor, diesen Hort für Ambiguität, der von Mehrdeutigkeit lebt und meist unter schwierigen Lebensverhältnissen als Kontraindikation gegen Eindeutigkeit besonders gut wächst und gedeiht.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wie so viele dieser Geschichten voll tragischer, unabänderlicher Entwicklungen enthält der Band viel Wirklichkeits-, kaum Möglichkeitssinn, kein vielleicht/aber/außerdem oder unterirdisch wirkenden Hoffnungsstrahl. Das Büchlein ist bei Reclam in der Reihe &#8222;Was bedeutet das alles?&#8220; erschienen, der Verlag ist für klassische, kanonverdächtige Literatur bekannt. Im Kanon der Weltuntergangsliteratur gibt es keine Trauer, sie ist frei von Träumen und kennt keine Sehnsucht, die den ausgeträumten Traum einer Aufklärung (von allem und von jedem) weiterspinnen möchte. Es gibt keine Hoffnung auf Wunder und keine Erkenntnis, außer dass alles schrecklich ist, keine Aussicht auf eine Pandemie, mit der die Überbevölkerung gebremst wird, einen Virus, der alte weiße Politiker schwächt, eine geniale technische Lösung oder einen geheimnisvollen Metallfrass, der Autos, auch solche mit elektrischem Antrieb, binnen Kurzem zerstören könnte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Herbert Marcuses „Der eindimensionale Mensch“ von 1964 kommt in dem Büchlein zwar nicht vor, aber ich denke an die damals heftig diskutierte Macht von Manipulation. Kommen die Befunde nur aus dem Wissen über Klimaerwärmung, über das Aussterben von Insekten, von Höflichkeit und Ambiguitätstoleranz? Oder hat sich ein lukratives Geraune verselbständigt und ist in höhere, akademische Sphären aufgestiegen? Ich weiß, es ist zwei vor zwölf, wir stehen am Abgrund, ohne Bienen werden die Blüten oder auch Früchte nicht bestäubt, die Fluchtbewegungen aus armen Länder werden zunehmen, weil der Meeresspiegel steigt und Süßwasser knapp wird, und die Reichen werden immer reicher und die Armen ärmer und die Fundamentalisten brutaler. Früher war alles besser, darum muss es ja auch irgendwann, noch früher, ein Paradies gegeben haben. Früher, als alles besser war, war Wissenschaft fürs Differenzieren zuständig.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Als kritische Intellektuelle alter Schule bin ich für alle Warnungen offen und stets auf der Seite der Protestierenden. Ich erinnere mich noch an die Berichte des Club of Rome von 1972, es ist evident, dass alles eindimensionaler wird. Auch der Kritik an „Siegerkunst“ und den „rechtwinkligen Investorenklötzen“ rund um die Hauptbahnhöfe von Berlin und Stuttgart stimme ich bedingungslos zu. Ich bin für die Einführung einer Kerosinsteuer, Beschränkung, meinetwegen auch Abschaffung von Kreuzfahrten, den Ausbau von ÖPNV und die Verwandlung von Parkhäusern in Wohnungen, wenn ich … ja was, die Macht oder wenigstens etwas zu sagen hätte? Ach ja, rund um die bayerischen Äcker gibt es noch immer keine Grünstreifen, in denen sich Getier und Blumen ausbreiten könnten. Im Unterschied zu Wissenschaftlern, die Lösungen anbieten, bin ich ratlos, zumindest was guten Rat anbelangt. Selbstverständlich schließe ich mich denen an, die gegen eine weitere Ausbeutung der Erde sind, fahre, wo es geht, mit der Bahn, trenne den Müll, spekuliere nicht mit Bitcoins, verwende keine Plastiktrinkhalme und freue mich über protestierende Jugendliche.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der hier nur stellvertretend vorgestellte Text ist humorfrei, aber lustig daran ist, dass am Ende der vielen Argumente dann doch Kunst, Literatur und Musik als Hoffnungsträger bleiben, die der Vereindeutigung der Welt entgegenwirken sollen. Nicht die „Ich-hab-da-mal-ne-Idee-Kunst“, deren Beitrag zur Vereinheitlichung ein paar Seiten vorher gegeißelt wurde, sondern eine die „bedeutungsvoll“ ist und die Ambiguitätslust steigert.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Ich könnte auch andere, mit ebenso stolzem Gestus vorgetragene Abgesänge nennen. Die Schrift ist nur ein Anlass, um – als „Nothilfemaßnahme“ – den Wunsch zu äußern, auch alleswissende Wissenschaftler mögen etwas Ambiguität und Zweifel an der eigenen Kompetenz in ihre Diagnosen einbauen.</p>

<p class="wp-block-paragraph"> </p>
								</div>
				</div>
					</div>
		</div>
					</div>
		</section>
				</div>
		]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://hazelrosenstrauch.de/weltuntergang-to-go/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>B. Traven</title>
		<link>https://hazelrosenstrauch.de/b-traven/</link>
					<comments>https://hazelrosenstrauch.de/b-traven/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[hazel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Apr 2019 09:02:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lesefrüchte]]></category>
		<category><![CDATA[geheimnisumwittert]]></category>
		<category><![CDATA[Mexiko]]></category>
		<category><![CDATA[Revolutionär]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hazelrosenstrauch.de/?p=1071</guid>

					<description><![CDATA[Der Entlarver Über Jan-Christoph Hauschilds „Das Phantom“ – eine Replik B. Traven ist 50 Jahre tot, also erinnert man sich. Der Autor seiner neuesten Biographie hat, wie er in einem Interview betont, die „letzte offene Lücke im Leben des geheimnisumwitterten B. Traven“ geschlossen, er fand „genau die Bindeglieder, die noch fehlten, um die Sache wasserdicht [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[		<div data-elementor-type="wp-post" data-elementor-id="1071" class="elementor elementor-1071 elementor-bc-flex-widget" data-elementor-post-type="post">
						<section class="elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-4564f26d elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default" data-id="4564f26d" data-element_type="section" data-e-type="section">
						<div class="elementor-container elementor-column-gap-default">
					<div class="elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-21a0d1ae" data-id="21a0d1ae" data-element_type="column" data-e-type="column">
			<div class="elementor-widget-wrap elementor-element-populated">
						<div class="elementor-element elementor-element-5bfba273 elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="5bfba273" data-element_type="widget" data-e-type="widget" data-widget_type="text-editor.default">
				<div class="elementor-widget-container">
									
<h3 class="wp-block-heading">Der Entlarver</h3>

<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" class="wp-image-116388" src="http://cult-mag.de/wp-content/uploads/2019/03/hauschild_phantom-600x1017.jpg" alt="" /></figure>

<h3 class="wp-block-heading">Über Jan-Christoph Hauschilds „Das Phantom“ – eine Replik</h3>

<p class="wp-block-paragraph">B. Traven ist 50 Jahre tot, also erinnert man sich. Der Autor seiner neuesten Biographie hat, wie er in einem Interview betont, die „letzte offene Lücke im Leben des geheimnisumwitterten B. Traven“ geschlossen, er fand „genau die Bindeglieder, die noch fehlten, um die Sache wasserdicht zu machen“. Für Jüngere, denen der Name, genauer gesagt, das Pseudonym, nicht vertraut ist, sei erwähnt, dass B. Traven in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts und noch lange nach dem 2. Weltkrieg unter politisch interessierten Menschen viel gelesen und bewundert wurde. Lange Zeit wusste man nicht, wer hinter dem Verfasser vieler spannenden Bücher, später auch Filme über das Leben in Mexiko steckt, und immer wieder versuchten Neugierige seine wahre Identität zu entlarven. </p>

<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" class="wp-image-116744" src="http://cult-mag.de/wp-content/uploads/2019/03/Death-Ship-Book-Cover.jpg" alt="" /></figure>

<p class="wp-block-paragraph">B. Traven hat im <a href="http://www.verbrannte-buecher.de/?page_id=737" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Totenschiff“</a> eine heute noch hochaktuelle Geschichte über einen Menschen ohne Papiere – also einen, der kein Recht zu leben hat – geschrieben, hat über Unterdrückung, Ausbeutung und Abenteuer berichtet: als einer, der sich in den Jobs auf Plantagen oder Ölfeldern selbst verdingt und was er beschrieben, erlebt hat. Aber Hauschild geht es nicht um die Indios, die Ölarbeiter, die Geschichte Mexikos und das schwere Leben im Dschungel samt Taranteln, Schlangen und Moskitos. Er überführt B. Traven, und heraus kommt ein Angeber, „Meister der Unbescheidenheit“, „Plagiator“, einer, „der Selbstlob auf Selbstlob häuft“, „ein bizarres Versteckspiel spielt“, „alternative Fakten erfindet“ und auch noch Rassist und Antisemit war. Außerdem hat er eine leibliche Tochter verleugnet und mit jedem gestritten, der sein Geheimnis wechselnder Identitäten zu lüften versuchte. Travens Mexiko ist „ein Ort der Illusion, und zwar in einem umfassenderen Sinn, als eine vernuftbegabte Leserschaft dies ohnehin mutmaßt“. Und der Verfasser weist nach, was alles erfunden, behauptet, abgeschrieben oder falsch ist. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Hauschild hat viel gestöbert und vieles gefunden, Hunderte Dokumente gesichtet, die Zeugen vieler Streitigkeiten werden ausführlich zitiert, Lügen, Widersprüche und Täuschungsmanöver mit Lust und Liebe am Detail nachgewiesen (ohne Anmerkungen, also schwer nachvollziehbar). </p>

<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" class="wp-image-116743" src="http://cult-mag.de/wp-content/uploads/2019/03/TravenBZ-600x507.jpg" alt="" />
<figcaption>Skizze des Schriftstellers B. Traven nach einen Foto von Red Marut anlässlich seiner Verhaftung in London 1923 – Urheber: Fewskulchor/ WikiCommons</figcaption>
</figure>

<p class="wp-block-paragraph">Sein Ton ist voller Misstrauen, kleine höhnische Einschübe verstärken den Eindruck, dass Traven ein mieser eitler Kerl und vor allem ein geschäftstüchtiger Textproduzent war. Er kann sich „das Schwindeln nicht verkneifen“, kämpft nicht für die bessere Welt sondern darum, die Reporter hinters Licht zu führen, die seine erfundenen Identitäten lüften wollen. Wenn man Hauschild folgt, hätte Traven das Meiste gar nicht selbst erlebt und vieles aus Berichten von anderen gestohlen. Aber sobald er erfolgreich war und andere von ihm abschrieben, empörte er sich: „… auf Prätention und Verwandlung von flüchtig Aufgeschnapptem versteht sich kaum jemand besser als er selbst.“ Er versucht die Berichterstattung über sich „zu steuern“, und wenn ihm jemand auf den Fersen ist, wehrt er sich nicht nur, sondern „Rechtfertigungen sprudeln geradezu aus ihm heraus, wobei er mehrmals die Verteidigungstaktik wechselt und sich in Widersprüche verstrickt.“ Hauschild schreibt, als wäre Traven ein Vorgänger von Claas Relotius, der berühmt wurde, weil er Reportagen gefälscht hat. Für Travens Wunsch, man möge seine Bücher lesen statt über den Autor zu spekulieren, hat Hauschild kein Verständnis, er sucht und findet den Mann hinter all den Namen – B. Traven, Hal Croves, Ret Marut, Traven Torsvan und schließlich und endgültig Otto Feige, den Handwerker aus Brandenburg. </p>
<p>Über den Inhalt der Bücher und das wirkliche Leben des Objekts dieser Biographie erfährt man wenig, was in überbordend zitierten Fundstücken auftaucht ist vor allem und immer wieder ein Beweis für Travens Renommiersucht. Travens dezidierte politische Ansichten, seine Träume von einer besseren Welt, seine Wut auf Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Elend sind in diesem Buch Marginalien, sie treten auf den 300 Seiten hinter den vielen Beweisstücken eines schlauen Spurenlesers zurück. Für die Botschaft des Abenteurers hat er kein Sensorium. </p>
<p>Ich gebe zu, ich bin parteiisch. Für mich, für meinen Vater, und auch noch für meinen Sohn gehörte dieser Autor zu den Leibspeisen früher Lektüre. Für die vielen Leser mit anarchistischem Faible sowieso. Dass seine Geschichten „faktisch nicht korrekt“ sind, ist für Literatur kein Maßstab, die Phantasie haben ihm seine Leser am wenigsten übel genommen. Der Vergleich mit Karl May ist billig, obwohl es interessant sein könnte, über den Unterschied dieser und jener Erfindungen, damals und heute, in Reportagen und in Literatur zu räsonieren. </p>
<p>Mir ging bei der gelegentlich mühsamen Lektüre immer wieder die Frage durch den Kopf, warum schreibt jemand ein Buch über einen Autor, den er offenkundig nicht leiden kann?</p>
								</div>
				</div>
					</div>
		</div>
					</div>
		</section>
				</div>
		]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://hazelrosenstrauch.de/b-traven/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wieso kennt den hier keiner?</title>
		<link>https://hazelrosenstrauch.de/1004/</link>
					<comments>https://hazelrosenstrauch.de/1004/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[hazel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 17 Feb 2019 12:28:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Lesefrüchte]]></category>
		<category><![CDATA[unfrisierte Gedanken]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://hazelrosenstrauch.de/?p=1004</guid>

					<description><![CDATA[Günther Birkenfeld, Wolke – Orkan – und Staub. Verlag Das kulturelle Gedächtnis ISBN 978 3 946990 24 6 Das Buch erschien 1955 und ist untergegangen, es passte wohl nicht in den Zeitgeist. Nur meine 90-jährige Freundin Katja erinnert sich, dass sie es als junges Mädchen mit Freude und Gewinn gelesen hat. „Viel gab es ja [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[		<div data-elementor-type="wp-post" data-elementor-id="1004" class="elementor elementor-1004 elementor-bc-flex-widget" data-elementor-post-type="post">
						<section class="elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-250c1348 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default" data-id="250c1348" data-element_type="section" data-e-type="section">
						<div class="elementor-container elementor-column-gap-default">
					<div class="elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-20177208" data-id="20177208" data-element_type="column" data-e-type="column">
			<div class="elementor-widget-wrap elementor-element-populated">
						<div class="elementor-element elementor-element-240f4f6a elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="240f4f6a" data-element_type="widget" data-e-type="widget" data-widget_type="text-editor.default">
				<div class="elementor-widget-container">
									<p> </p>
								</div>
				</div>
					</div>
		</div>
					</div>
		</section>
				<section class="elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-ae25a10 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default" data-id="ae25a10" data-element_type="section" data-e-type="section">
						<div class="elementor-container elementor-column-gap-default">
					<div class="elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-a3062da" data-id="a3062da" data-element_type="column" data-e-type="column">
			<div class="elementor-widget-wrap elementor-element-populated">
						<div class="elementor-element elementor-element-4931fa5 elementor-widget elementor-widget-spacer" data-id="4931fa5" data-element_type="widget" data-e-type="widget" data-widget_type="spacer.default">
				<div class="elementor-widget-container">
							<div class="elementor-spacer">
			<div class="elementor-spacer-inner"></div>
		</div>
						</div>
				</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-792cdba elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="792cdba" data-element_type="widget" data-e-type="widget" data-widget_type="text-editor.default">
				<div class="elementor-widget-container">
									<p class="western">Günther Birkenfeld, Wolke – Orkan – und Staub. Verlag Das kulturelle Gedächtnis ISBN 978 3 946990 24 6</p>
<p class="western"> </p>
<p class="western">Das Buch erschien 1955 und ist untergegangen, es passte wohl nicht in den Zeitgeist. Nur meine 90-jährige Freundin Katja erinnert sich, dass sie es als junges Mädchen mit Freude und Gewinn gelesen hat. „Viel gab es ja damals nicht!“ Der verdienstvolle Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“ hat es neu aufgelegt, hübsch gebunden, mit einem aufschlussreichen Nachwort versehen, und mit einer Danksagung, die vermuten lässt, dass es allerlei Unterstützung bedurfte, damit es erscheinen konnte.</p>
<p class="western">In den 50er Jahren passte es wohl nicht in den Zeitgeist, d.h. den Geist jener Zeit, in der schon Wohlstand ausgebrochen, die alten Nazis integriert oder aus sehr kurzer Haft entlassen, und das Gedächtnis an die „schlimme Zeit“ gelöscht war. Außerdem waren es Zeiten des kalten Kriegs.</p>
<p class="western">Die Geschichte beginnt harmlos, beinahe idyllisch in der Havelbucht, es ist Sommer, Anna beobachtet einen Falter, danach sind Flieger am Himmel. Es ist die Zeit der Wolke, die sich über Berlin und die Protagonisten senkt, dann kommt der Orkan mit Krieg, Brutalität, Zerstörung, das dritte Kapitel, Staub, spielt im zerstörten Berlin.</p>
<p class="western">Das Personal ist überschaubar, Hauptfigur ist Anna, frech und eigensinnig, eine junge Sozialdemokratin, sie “haßte Hitler, weil ihr alles an ihm zuwider war, sein Schreien, sein verzerrtes Gesicht, seine Handbewegungen. […] Mit politischer Überzeugung hatte das wenig zu tun. Sie klammerte sich an die Menschen, die besonnen blieben und für die so allgemein gewordenen Wallungen und Wahnvorstellungen nicht zu haben waren“. In der Havelbucht trifft sie auf Wolkenbruch, hässlich, korrupt, reich und ein bisschen genial. Wolkenbruch, auch Monster genannt, macht gute Geschäfte mit den Nazis, hilft aber auch Untergetauchten und immer wieder Anna. Es gibt den überzeugten Nazi, der eindeutig böse ist, einen unbedarften Jungen, der bei der SS landet und die Morde im Osten erlebt hat, deshalb davon läuft und sich verstecken muss; ein jüdischer Freund emigriert, einer, der nicht alles schlecht findet, wird Annas Ehemann. Verschiedene Freunde, die Anna helfen, sind in ihrem Verhältnis zum Nationalsozialismus gegnerisch bis schicksalsergeben. Der Eine eindeutig Gute und sehr kurz Annas Geliebter wird gefasst und hingerichtet.</p>
<p class="western">Es sind – aus der radikalkapitalistischen Perspektive von heute betrachtet – erstaunliche Figuren, keine Heroen, sondern Menschen, die auf einfache Weise „gut“ sind, eher nebenbei, weil klar ist, was man tun oder eben lassen muss. Die – eher unglücklichen – Liebesgeschichten, Ängste und die erforderlichen Improvisationen in Zeiten des Krieges bewegen die Figuren mehr als Ideologien. Mir fällt, außer vielleicht Fallada, kein Autor ein, der die Konflikte von gewöhnlichen, man könnte fast sagen normalen Menschen im Berlin der 30er und 40er Jahre so unaufgeregt beschrieben hat.</p>
<p class="western">„Nicht alle, aber viele Menschen waren wirklich krank, waren befallen von der Katastrophen-Epidemie. Mit dem Orkan trieben die Bazillen heran, setzten sich fest in den Herzen und Hirnen und vermehrten sich wuchernd. Die Erreger waren unterschiedlicher Natur und erzeugten unterschiedliche Leiden, denen lediglich das Symptom der Hemmungslosigkeit gemeinsam war. Manche Patienten wurden hemmungslos gutartig, andere wieder hemmungslos bösartig und wieder andere hemmungslos stumpf. Man half sich gegenseitig mit Selbstlosigkeit und Opfermut. Man kehrte sich von der Not des anderen ab mit brutalem Egoismus. Man versank in völlige Gleichgültigkeit, wie stets in Zeiten der Katastrophen und der allgemeinen Bedrohung.“ Solche ordnenden Reflexionen wendet der Autor dann auf seine Figuren an: „Anna erkrankte an hemmungsloser Gutartigkeit, die Pleskaus am Erreger der Bösartigkeit und der kleine Vetter Peter Jurchow an progressiver Abstumpfung.“</p>
<p class="western">Die Erzählung reicht bis in die Nachkriegszeit, die Alliierten zerbomben die Stadt, die Russen vergewaltigen Frauen, Freunde sterben, werden schwer verletzt, verrückt oder kriminell. Die einen bleiben im Osten, andere flüchten in den Westteil der Stadt, und es ist nicht immer klar, ob Birkenfeld realistisch, abgestumpft oder zynisch ist, wenn z.B. Jürgen Hechta (der im Nachwort als Peter Huchel enttarnt wird) die Reste seiner Tochter in einem Karton auf dem Rücken per Rad nach Hause fährt, um sie zu begraben.</p>
<p class="western">Im Nachwort erfährt man, dass Birkenfeld sich nach dem Krieg auf die Seite der Antikommunisten stellte. Es war die Zeit des Kalten Kriegs, in der die einen von russisch-stalinistischer Obrigkeit, die anderen vom CIA abhängig waren. Da kommen wir her. Und deshalb ist das Buch (auch) ein Beitrag zum Regionalismus, eine an- und aufregende Korrektur zur neuen Leidenschaft für Heimat und Zugehörigkeit.</p>								</div>
				</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-afe9305 elementor-widget elementor-widget-spacer" data-id="afe9305" data-element_type="widget" data-e-type="widget" data-widget_type="spacer.default">
				<div class="elementor-widget-container">
							<div class="elementor-spacer">
			<div class="elementor-spacer-inner"></div>
		</div>
						</div>
				</div>
					</div>
		</div>
					</div>
		</section>
				</div>
		]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://hazelrosenstrauch.de/1004/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
